Zonen - Weiten und Ferne
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7.24.2009
Land der Zukunft - Teil 4
Eines Nachmittags stand Frau Ann Dolney am Spülstein und blickte zum Fenster hinaus. Ein schwarzer Bär steckte draußen vergnügt und gefräßig seine Schnauze in den Mülleimer. Dabei liegt die Siedlung nur zwanzig Autominuten von Fairbanks entfernt, der zweitgrößten Stadt mit Kaufhäusern, guten Hotels und Lokalen — und der Universität von Alaska, die sich in der Polar-, der arktischen Landwirtschafts- und, der Weltraumforschung einen internationalen Namen gemacht hat. Auf zehn Studenten kommt hier ein Professor oder Dozent. Verglichen mit europäischen Hochschulen ein beneidenswerter Zustand!
Zur Lebensart der Alaskaner gehört Hilfsbereitschaft. Man ist weit mehr aufeinander angewiesen als irgendwo sonst. Bei den Eskimos kann sich ein guter Jäger viel zuschulden kommen lassen, er bleibt doch hochgeschätzt. Ein schlechter wird missachtet. Dennoch würde die Gemeinschaft ihn und seine Familie niemals verhungern lassen. Waisen finden sofort Pflegeeltern. Die Eskimorichterin Sadie Niakok klagte über die Trunksucht: Der Alkohol sei für die Weißen Alaskas ein großes Problem, für die Eingeborenen das Problem. Er zerrüttet die Familie und die altbewährte Gesellschaftsform des Klans. Ständig wächst die Zahl der verwahrlosten Kinder, und wieder und wieder nimmt sie selbst eines auf. „Wo der Vater ein guter Jäger ist und zwölf Münder satt werden, lässt sich auch noch ein dreizehnter Mund füllen."
Manchmal sieht es so aus, als sei dieser Gemeinschaftsgeist nicht mehr zeitgemäß. Doch bald erteilt die hier unberechenbare, oft grausame Natur einen warnenden Rippenstoß. Nehmen wir als Beispiel Anchorage. Mit 50 000 Einwohnern ist es die „Metropole" des 49. Bundesstaates. Weil die kürzesten Verbindungswege der Nervenzentren dieser Erde über Alaska führen — hierin liegt seine einzigartige strategische Bedeutung für die westliche Welt —, lenken sechs internationale Luftfahrtlinien ihre Routen über Anchorage, und jedes Reisebüro kennt den Namen. Da bebte am 27. März 1964 die Erde. Noch heute berichten die Anchorager entsetzt, wie sich auf der einen Seite der Hauptstraße ein Krater auftat und acht- und neunstöckige Häuser, ja der Kontrollturm des Flughafens, einstürzten, als seien sie aus Pappe. Sofort setzte die Nachbarschaftshilfe ein. Wessen Wohnung halbwegs heil geblieben war, der teilte sie mit Obdachlosen. Kleider, das kostbar gewordene Wasser, Petroleum, Kerzen, Medizinen und Verbandszeug — all das wurde Gemeingut, und jeder, der unversehrt war, fasste zu bei den Rettungs- und Bergungsarbeiten. Die Bundesregierung in Washington schickte 400 Millionen Dollar nach Alaska, entsandte Erdbebenexperten und gewährte großzügige Wiederaufbaukredite zu günstigen Bedingungen. Hypermoderne Maschinen wurden eingesetzt. Nach einem Jahr war außer dem Krater, ein Schauobjekt für die Fremdenführer, von den Erdbebenschäden nicht viel übrig geblieben. Neue Hochhäuser, mit besserem Schutz gegen solche Naturkatastrophen, waren entstanden.
7.22.2009
Land der Zukunft 3
Aber auch das Alltagsleben zwingt den Alaskaner zum Pionierdasein. Siebzig Ärzte praktizieren in Anchorage, der einzigen größeren Stadt, und nochmals siebzig verteilen sich auf den gesamten übrigen Bundesstaat. In den Außenposten kann niemand durchhalten, der nicht die Erste Hilfe beherrscht. Bis das Buschflugzeug eintrifft, das den Patienten ins nächste Krankenhaus bringt — es kostet oft Hunderte Dollars, die der Staat nur bei Bedürftigen und Eingeborenen trägt —, können Stunden vergehen.
Alaskas weiße Bevölkerung ist die am raschesten wechselnde in den USA. Innerhalb von fünf Jahren hat sich etwa die Hälfte der Einwohner erneuert — bei ständiger Zu- und Abwanderung. Da bildet sich keine Facharbeiterschaft, fehlt es an Handwerkern, und die wenigen, die vorhanden sind, verlangen Phantasiepreise. Alaskaner müssen also das sein, was der Angelsachse „handyman" nennt. Reparaturen werden selbst ausgeführt, man ist Dachdecker, Elektriker und Installateur zugleich. Nicht wenige bauen sogar ihr Haus selbst. Andere quartieren sich in einem der zahllosen Wohnwagen ein, die ganze Kolonien bilden. Ich traf eine Menge Leute, die das Geld für Möbel scheuen. Vor ihrer Wohnungstür oder auf dem Kartoffelacker steht jedoch das fabrikneu gekaufte Flugzeug. Im Land der Zukunft besitzt jeder 156. Alaskaner eine Privatmaschine, und jeder 55. hat den Flugzeugführerschein.
Während ihm das neuzeitlichste Beförderungsmittel gerade neuzeitlich genug ist, bleibt der Alaskaner in einem für uns beinahe unvorstellbaren Ausmaß Selbstversorger. Eingeführte Lebensmittel sind unerschwinglich — im hohen Norden betrug meine Rechnung für einen schlecht zubereiteten Hamburger vier Dollar oder sechzehn Mark. Man findet Auswege. Als ich Ann Dolney, eine in Amerika verheiratete Bauerntochter aus dem Taunus, anrief, um Grüße aus der Heimat zu übermitteln, war ihre zehnjährige Tochter am Apparat: „Es tut mir leid, Mama ist auf der Jagd."
Später lernte ich Ann Dolney dann doch kennen. Eine Tiefkühltruhe war mit dem Fleisch eines selbsterlegten 300pfündigen Elchs gefüllt — auch Feinschmecker können das Fleisch nicht von feinstem Rindfleisch unterscheiden —, die andere mit riesigen Lachsen, von Mrs. Dolney und ihrem Mann geangelt. Genug für den ganzen Winter! Sie war genauso stolz darauf wie die Eskimofrau, die mich einen Blick in ihre unterirdische Vorratskammer werfen ließ, nachdem sie die Steine, die zum Schutz gegen Hunde und wilde Tiere davor lagen, fortgeräumt hatte — ein natürlicher Eisschrank!
7.21.2009
Teil 2 - Land der Zukunft
Jeder, der ihn dieser Zukunft ein Stück näher führt, ist willkommen. Auch Direktor Nakajama von der hypermodernen Fabrik. Mit Stolz und dem unverbindlichen Lächeln des Japaners hatte er mich durch sein Werk geführt. Kapital und Leitung sind japanisch, die Angestellten und Arbeiter durchwegs Alaskaner. Wo sich die Amerikaner mit Kapitalanlagen zurückhalten, weil ihnen die Einsicht fehlt, dass im 49. Bundesstaat die Zukunft bereits begonnen hat, werden Japaner eingeladen. Ich traf sie überall, ob es nun darum ging, die Bodenschätze zu heben, die Holzwirtschaft zu verbessern oder den Fischfang zu modernisieren — drei Hauptzweige der Wirtschaft Alaskas. Übertriebenes Nationalbewusstsein errichtet da keine Barrieren. Junge Menschen sind heutzutage selten voreingenommen, und das Durchschnittsalter des Alaskaners liegt bei 23 Jahren. Es gibt vermutlich kein „jüngeres Land". Deswegen stirbt in Alaska auch der Pioniergeist nicht aus, während er anderswo auf dem nordamerikanischen Kontinent zumeist nur noch als geschichtliche Erinnerung hochgehalten wird. Ohne einen solchen Pioniergeist ging und geht es nicht. Als Passagier moderner Düsenflugzeuge, mit Hubschraubern und einmotorigen „Vögeln" der überbeschäftigten Buschpiloten, mit bequemen Fährschiffen und Autobussen, mit einer fauchenden Schmalspurbahn aus der Goldgräberzeit und mit von Eskimojungen glänzend gemeisterten Hundeschlitten habe ich versucht, dieses Alaska zu erforschen.
Immer wieder überwältigten mich die Unendlichkeit des Raumes, die menschenleeren Tundren und Naturschutzparks — eine Welt der Bären, Elche und anderen Großwilds —, die Urwälder, denen das Land seinen Holzreichtum verdankt, die skandinavisch verträumten Inseln und Schären und die großartigen Fjorde und schneebedeckten Gletscher.
Hier ist der Mann noch auf sich selbst gestellt. In den Überlebensschulen der militärischen Stützpunkte lernen die jungen Soldaten, dass motorisierte Raupenschlepper eine gute Sache sind, in bestimmten Polargegenden der Hundeschlitten aber die einzige Beförderungsmöglichkeit darstellt und oft die letzte Rettung ist. Eskimoausbilder unterrichten sie, wie man aus festgefrorenem Schnee Iglus baut, wie sich selbst aus nassem Holz ein Feuer entfachen lässt und dass alle Pelztiere genießbar sind — sogar Maulwürfe —, wenn nur die Drüsen vorher entfernt werden. Weil sich die Eingeborenen Jahrtausende an diese Regeln hielten — und an viele andere —, haben sie überdauert. Vermittelt werden die Ratschläge und Belehrungen im Schatten von Radarschirmen, die größer sind als Fußballfelder, Teile jenes lückenlosen, über ganz Alaska gespannten Vorwarnsystems, das jede ferngelenkte Rakete einer feindlichen Macht aufzeigt. Eskimolebensweisheiten und ausgeklügelte Verteidigungstaktik . . .
7.17.2009
Land der Zukunft - 1
Alaska oder Al-a-aska ist ein Wort aus der einfachen Sprache der Eskimos, der mongolischen Ureinwohner dieses Gebietes. Zu deutsch bedeutet es „großes Land". Und das ist wahrlich keine Übertreibung! Was die alten Eskimos noch nicht ausrechnen konnten: Die Bodenfläche des 49. amerikanischen Bundesstaates beträgt anderthalb Millionen Quadratkilometer, und die Bundesrepublik Deutschland könnte siebenmal in ihr aufgehen. Dafür wartet Alaska mit einer ungleich bescheideneren Bevölkerungsziffer auf: 250 000 Menschen leben dort laut einer Statistik der Handelskammer. Böse Zungen behaupten, die Zahl sei der besseren Wirkung wegen ein wenig aufgerundet worden. 60 000 davon sind Eskimos, ihnen verwandte, langsam aussterbende Aleuten und Indianer, kurz so genannte „natives", das heißt Eingeborene. Seit kurzer Zeit machen sie eine schmerzhafte Entwicklung durch: die Eingliederung in die angelsächsische Kultur und Zivilisation, wozu auch der Übergang vom Tauschhandel, von der Natural- zur Geldwirtschaft gehört.
Im Jahre 1967 feiert das riesige Land mit den wenigen Einwohnern seine hundertjährige Zugehörigkeit zu Amerika. Uncle Sam zahlte Russland, dem früheren Besitzer, 7 200 000 Dollar oder 5,2 Pfennig je Morgen — wie sich bald herausstellen sollte, ein glänzendes Geschäft für den Käufer. Aus der russischen Zeit fand ich nur noch unscheinbare Spuren: Ein paar Holzkirchen mit Zwiebeltürmen und Doppelkreuzen auf den Aleuteninseln und etliche verwitterte Grabsteine, deren kyrillische Aufschriften kaum noch lesbar sind. In der Eingeborenensprache haben sich dort auch einige russische Redewendungen erhalten.
Sitka, die alte Hauptstadt, in der der Kaufvertrag zwischen den Ver-
einigten Staaten und Russland unterzeichnet worden ist und wo im
Jahre 1867 die feierliche Zeremonie des Souveränitätswechsels mit Musik, Paraden, schönen Reden und dem Einziehen der alten und Hissen der neuen Flagge stattgefunden hat, bietet als Sehenswürdigkeit die St. Michaels Kathedrale. Ihre Kirchenschätze, juwelengeschmückte Ikonen und der volle Ornat des Bischofs Anbrossy sind höchst eindrucksvoll. Immer noch ist hier die Kirchensprache Russisch, genau wie vor hundert Jahren. Von den Amerikanern wurde der alte Glaube, dem sie vertraglich Schutz zugesichert hatten, bis heute geachtet.
Aber die Leute in Sitka sprechen weniger über die orthodoxe Kathedrale als über die brandneue Papier- und Zellulosefabrik, die selbst den Neid schwedischer und finnischer Fachleute erregt haben soll. Es ist bezeichnend für den Alaskaner, dass er zwar gewisse Traditionen nicht aufgibt, sich aber zuerst als Bürger eines Landes fühlt, das er selbstbewusst „Land der Zukunft" nennt.
7.16.2009
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16.07.2009
 
July 2009
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